Das Streich-Protokoll – Daniel Schill
Kostenlos Version 1.0 · Mai 2026

Das Streich-
Protokoll

5 Doku-Routinen, die du sofort abschaffst – ohne Qualitätsverlust, ohne Diskussion mit dem Prüfer und ohne dein Team zu überfordern.


Daniel Schill

QM-Berater · Stationär & Ambulant · SGB XI

kontakt@danielschill.com · danielschill.com

Dieses Protokoll ist kein theoretisches Konzept. Es basiert auf dem, was der Medizinische Dienst (MD) bei Qualitätsprüfungen nach §§ 114 ff. SGB XI tatsächlich prüft – und was er nicht prüft. Grundlage sind die aktuellen Qualitätsprüfungs-Richtlinien (QPR) sowie das Strukturmodell zur Entbürokratisierung der Pflegedokumentation des Bundesgesundheitsministeriums, das heute in bis zu 80 % der Langzeitpflegeeinrichtungen umgesetzt wird.

Der MD bewertet Pflegequalität heute vorrangig über Inaugenscheinnahme und Bewohnerbefragung – nicht über die Vollständigkeit von Dokumentationsroutinen, die niemand liest. Wer das versteht, hört auf, für den Prüfer zu dokumentieren. Und fängt an, für die Pflege zu dokumentieren.

Für jede der 5 Routinen findest du: Was du aktuell tust. Warum es dich Zeit kostet. Was du stattdessen tust. Und was du dem Prüfer sagst, wenn er fragt.

Lesezeit ca. 10 Minuten

Die 5 Routinen,
die sofort weg können

Jede dieser Routinen kostet dein Team täglich Zeit – ohne dass sie die Pflegequalität verbessert oder dich bei einer MD-Prüfung besser dastehen lässt.

01
Vitalzeichen

Tägliche Vitalzeichendokumentation bei stabilen Bewohnern

Was du tust
Blutdruck, Puls und Temperatur werden bei stabilen Langzeitbewohnern täglich oder mehrfach wöchentlich gemessen und eingetragen – unabhängig davon, ob ein medizinischer Grund vorliegt.
Warum es Zeit kostet
Bei einer Einrichtung mit 60 Bewohnern entstehen täglich bis zu 3–4 Stunden reiner Dokumentationszeit für Werte, die niemand auswertet und die keine Konsequenz haben – solange der Bewohner stabil ist.
Was du stattdessen tust
  • Vitalzeichen nur bei ärztlicher Anordnung, akuter Verschlechterung oder bei Risikobewohnern (z. B. Herzinsuffizienz, neu eingestellte Medikation)
  • In der SIS-Risikomatrix hinterlegen, warum kein Risiko vorliegt – das ist die fachliche Grundlage
  • Frequenz und Anlass im Tagesablauf oder Maßnahmenplan vermerken, wenn doch dokumentiert wird
Rechtsgrundlage
Das Strukturmodell (BMG/MD-Bund) erlaubt ausdrücklich den Verzicht auf schematische Dokumentationsroutinen. Leistungen sind nur zu dokumentieren, wenn sie vom pflegerischen Regelablauf abweichen. Routinemessungen ohne Anlass sind kein Regelablauf – sie sind Mehraufwand ohne Mehrwert.
Was du sagst
„Warum sind hier keine täglichen Vitalzeichen dokumentiert?"

„Wir dokumentieren Vitalzeichen bedarfs- und risikoorientiert auf Basis der SIS-Einschätzung sowie ärztlicher Anordnung. Frau/Herr [Name] ist stabil versorgt – die Kriterien für eine Routinemessung liegen nicht vor. Das entspricht dem Strukturmodell und den aktuellen QPR-Anforderungen."

02
Übergabe

Das verschriftlichte Vollprotokoll der Dienstübergabe

Was du tust
Jede Dienstübergabe wird vollständig verschriftlicht – alle Bewohner, alle Beobachtungen, alle Informationen. Das Ergebnis: Ein mehrseitiges Protokoll, das die nächste Schicht in der Theorie liest und in der Praxis überblättert.
Warum es Zeit kostet
Schreibdauer je Übergabe: 20–40 Minuten. Bei zweimal täglich sind das bis zu 280 Minuten pro Woche reine Schreibzeit – für Informationen, die mündlich in 5 Minuten übertragen werden könnten.
Was du stattdessen tust
  • Abweichungsprinzip: Nur dokumentieren, was vom Tagesablauf abweicht – neue Symptome, Stürze, Verhaltensänderungen, Arztanordnungen
  • Bewohner ohne Besonderheiten werden nicht im Übergabeprotokoll aufgeführt
  • Mündliche Übergabe bleibt – der schriftliche Teil wird zur Ausnahmedokumentation, nicht zur Vollprotokollierung
  • Kurze Checkliste (max. 1 Seite) statt Fließtext-Protokoll
Rechtsgrundlage
Das Strukturmodell definiert das Abweichungsprinzip als Kerngrundlage: Schriftliche Dokumentation erfolgt nur bei Abweichung vom definierten Pflegeprozess. Eine vollständige tägliche Verschriftlichung der Übergabe ist weder im SGB XI noch in den QPR als Pflicht vorgesehen.
Was du sagst
„Wie dokumentieren Sie die Informationsweitergabe zwischen den Schichten?"

„Wir arbeiten nach dem Abweichungsprinzip des Strukturmodells. Schriftlich erfasst werden ausschließlich pflegerelevante Veränderungen und Abweichungen vom Regelablauf. Das sichert Informationsqualität, ohne Ressourcen in Routinedokumentation zu binden."

03
Pflegeplanung

Pflegeplanung auf Vorrat: Risiken dokumentieren, die niemand eingeschätzt hat

Was du tust
Pflegeplanungen werden prophylaktisch für alle denkbaren Risiken angelegt – Dekubitus, Sturz, Mangelernährung, Schmerz, Kontraktur – auch wenn kein konkretes Risiko bei diesem Bewohner vorliegt. „Damit der Prüfer sieht, dass wir dran gedacht haben."
Warum es gefährlich ist
  • Eine Pflegeplanung für ein Risiko, das nicht vorliegt, erzeugt Handlungspflichten – und Haftung, wenn diese nicht dokumentiert erfüllt werden
  • Der Prüfer sucht nach Konsistenz: Planung ohne Befund ohne Maßnahme ohne Evaluation = Dokumentationslücke
  • Das Team verliert das Vertrauen in die Planung insgesamt, weil sie nicht mehr der Realität entspricht
Was du stattdessen tust
  • Pflegeplanung nur für tatsächlich vorliegende Risiken und Probleme auf Basis der SIS-Risikomatrix
  • Kein Risiko → kein Pflegeproblem → keine Planung → kein Haftungsrisiko
  • Die SIS-Matrix dokumentiert die fachliche Einschätzung – das ist der Nachweis gegenüber dem Prüfer
Rechtsgrundlage
Die QPR vollstationär und das Strukturmodell fordern eine individuelle, bedarfsorientierte Planung. Eine Planung ohne fachlichen Befund widerspricht dem Grundprinzip des Pflegeprozesses und kann im Schadensfall als Nachweis fehldokumentierter Pflege gewertet werden.
Was du sagst
„Ich sehe hier keine Sturzprophylaxe-Planung – warum nicht?"

„In der SIS von Frau/Herr [Name] wurde das Sturzrisiko auf Basis der Facheinschätzung als gering eingestuft. Eine Pflegeplanung ohne vorliegendes Risiko wäre fachlich nicht begründbar und würde Haftungsrisiken erzeugen, die der tatsächlichen Situation nicht entsprechen."

04
Maßnahmenakte

Die Parallelakte: Wenn Grundpflege täglich abgezeichnet wird

Was du tust
Neben Pflegeplanung und Berichteblatt existiert eine separate Maßnahmenakte, in der pflegerische Standardmaßnahmen täglich abgezeichnet werden: Körperpflege, Mobilisation, Lagerung, Flüssigkeitszufuhr. Alles. Für jeden. Täglich.
Warum es Zeit kostet
Zeichnet jede Pflegekraft pro Schicht für 15 Bewohner 8 Maßnahmen ab, sind das 120 Einträge pro Schicht – für Leistungen, die ohnehin zum Regelablauf gehören und in der SIS als solche hinterlegt sind.
Was du stattdessen tust
  • Im Strukturmodell wird der pflegerische Tagesablauf in der SIS definiert – er gilt als Regelleistung und muss nicht täglich abgezeichnet werden
  • Dokumentation nur bei Abweichung: Maßnahme nicht durchgeführt, Bewohner verweigert, Zustand verändert
  • Behandlungspflege (z. B. Wundversorgung, Medikamentengabe) weiterhin vollständig dokumentieren – das bleibt gesetzliche Pflicht
Rechtsgrundlage
Der MD-Bund stellt explizit klar: „Auf schematische Dokumentationsroutinen und Einzelleistungsnachweise für wiederkehrende Abläufe in der Grundpflege und Betreuung wird verzichtet." (Strukturmodell, MD-Bund 2025). Wer dennoch täglich Grundpflege abzeichnet, betreibt Überdokumentation – nicht Qualitätssicherung.
Was du sagst
„Wo ist der Nachweis, dass die Grundpflege täglich durchgeführt wurde?"

„Der pflegerische Tagesablauf ist in der SIS definiert. Dieser gilt als Regelablauf und wird nach dem Strukturmodell nicht täglich abgezeichnet. Abweichungen vom Regelablauf sind im Berichteblatt dokumentiert. Wenn keine Abweichung vorliegt, wurde die Regelleistung erbracht."

05
Evaluation

Evaluation im Vier-Wochen-Takt: Wenn der Kalender die Pflege steuert

Was du tust
Pflegeplanungen werden alle 4 Wochen evaluiert – unabhängig davon, ob sich etwas verändert hat. Das Ergebnis: Formularseiten voller „Pflegeziel erreicht, weiter wie geplant" – unterschrieben, abgeheftet, vergessen.
Warum es nichts nützt
  • Eine Evaluation ohne inhaltliche Veränderung ist kein Qualitätsmerkmal – sie ist Papiererzeugung
  • Der MD bewertet nicht die Häufigkeit der Evaluation, sondern ob sie fachlich begründet und situationsbezogen erfolgt
  • Ein starrer Takt, der bei stabilen Bewohnern ins Leere läuft, ist teurer als seltene, inhaltlich gehaltvolle Evaluationen
Was du stattdessen tust
  • Anlassbezogene Evaluation: Bei Zustandsveränderung, nach kritischen Ereignissen (Sturz, Krankenhausaufenthalt, Gewichtsveränderung), bei Anpassung der Medikation
  • In der SIS wird der nächste Evaluationstermin individuell und begründet festgelegt – nicht nach Kalender
  • Bei stabilen Bewohnern ist ein 3- oder 6-Monats-Rhythmus möglich, sofern fachlich begründet und dokumentiert
Rechtsgrundlage
Das Strukturmodell sieht die Festlegung von individuellen Evaluationsdaten vor – nicht einen Pauschaltakt. Die QPR vollstationär fragt nach der fachlichen Qualität der Evaluation, nicht nach ihrer Frequenz. Ein häufiges, inhaltsleeres Evaluationsformular ist schlechter als ein seltenes, fachlich fundiertes.
Was du sagst
„Die letzte Evaluation ist schon 6 Wochen her – warum?"

„Der nächste Evaluationstermin wurde in der SIS individuell festgelegt, da sich der Versorgungsstatus stabil entwickelt hat. Eine anlassbezogene Evaluation bei Zustandsveränderung wäre selbstverständlich sofort erfolgt – das ist im Berichteblatt dokumentiert."

Was jetzt passiert –
und was nicht

Diese 5 Routinen zu streichen spart deinem Team täglich messbare Zeit. Aber sie lösen nicht das eigentliche Problem: Wenn die Struktur nicht sitzt, kommen die alten Routinen zurück. Beim nächsten MD-Termin. Beim nächsten Personalwechsel.

Was wirklich schützt, ist ein QM-System, das auf dem Wohnbereich basiert – nicht auf Formularen. Eines, das dein Team entlastet, statt es mit Dokumentation zu überfordern. Und das beim MD-Termin standhält, weil die Fachlichkeit dahintersteht – nicht die Akten-Kosmetik.

Wenn du wissen willst, wo bei dir die echten Risiken liegen – nicht erst nach dem Prüftermin – dann schreib mir direkt.

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